Integration mit Wachstumspotential
Über 2000 Besucher beim 5. Interkulturellen Sporttag in der Sparkassenarena
Der fünfte Interkulturelle Sporttag stellt sich neu auf und ruft: „Größer, schöner, integrativer.“ Eine breitere Programmstruktur steckt dahinter, die in erster Linie mit mehr Sportarten aufwartet. Der Ruf wurde offensichtlich erhört. Über 2000 Besucher hat er in und um die Sparkassenarena gezogen, und damit vier mal so viele wie im Vorjahr. Dabei sind junge und alte Menschen und – darin liegt schließlich die Zielsetzung – sehr viele Einwanderer zahlreicher Nationalitäten.
„Das muss es weiter geben“, lauten die meisten der Rückmeldungen, die der frühere Rathausmitarbeiter Rüdiger Müller heute oft zu hören bekommt. Jetzt ist er in der Integrationsabteilung vom Sozialministerium in Hannover. Trotzdem arbeitet heute ehrenamtlich mit und packt direkt dort an, wo er die Arbeit sieht. Viele seiner Erfahrungswerte sind hier eingeflossen, aber zahlreiche neue Ideen von Seiten der Sportvereine sind dazu gekommen. „Ich sehe das „Baby“ wachsen“, freut er sich und fügt hinzu: „Wenn ich bedenke, wie klein das 2007 alles begann und wo der Interkulturelle Sporttag jetzt steht, erkenne ich sein Wachstumspotential noch deutlicher. Auf jeden Fall sehe ich seine Zukunft in den besten Händen.“
Es sind seit vielen Jahren auch die Hände von Hamit Demirok, Vorstandsmitglied beim Sportverein Türc Gücü Hildesheim. Mit Integration kennt er sich aus eigener Erfahrung bestens aus. Er selbst war gerade mal 14 Jahre alt, als er einst nach Deutschland kam. Schnell wurde ihm klar: „Wenn ich hier dabei sein möchte, muss ich die Sprache beherrschen.“ So ging er mit einem deutschen Wörterbuch durch die Straßen und übersetzte sich alles, was er geschrieben sah. Oder er ging ins Café und hörte den Gesprächen der Leute zu. Wenn man ihn so sieht, ist man überzeugt: Demirok ist perfekt integriert, ohne aber seine eigenen Wurzeln vergessen zu haben. Und das schmeckt als Nebeneffekt sehr gut. Denn sämtliche Sportler-Familien tischen beim interkulturellen Imbiss Köstlichkeiten aus der Heimat auf. „Das ist nur ein Teil der Integrationsarbeit, die wir betreiben. In unserem Verein haben wir Mitglieder aus Afghanistan, Russland, Nigerianer, Kurden, natürlich viele Türken und auch immer mehr Deutsche. Dazu erleben wir gerade in Sachen Fußball einen regelrechten Ansturm von Mädchen“, lacht Demirok zufrieden. Als Erfolg sieht er übrigens, wenn sich „die türkische Mentalität mit der deutschen Disziplin verbindet“.
Doch welche Sportarten sind denn diejenigen mit besonders hohem Integrationsfaktor? „Das ist pauschal schwierig zu beantworten“, erklären die Mitveranstalter Ulrich Nordmann, Geschäftsführer vom Kreissportbund und Hans Roths, Geschäftsführer von Eintracht Hildesheim. „Fußball ist natürlich ein Dauerbrenner, aber auch Boxen und viele andere Kampfsportarten erfreuen sich über eine hohe Resonanz. Man muss aber überall genau hinschauen, um zu erkennen, mit welchen Sportarten man die Migranten begeistern kann. Jungen wollen Abenteuer in Sachen Breakdance und HipHop, und besonders türkische Mädchen gehen neuerdings gerne zum Kung-Fu-Training.“
Das Beispiel Boxen ist einer der zahlreichen Programmpunkte in der Sport-Gala, der den Beweis dafür antritt. Erich Schröder, Vorstand vom Boxverein BGK Hildesheim, sieht täglich, wie die unterschiedlichen Kulturen in seinem Verein zusammen treffen. „Wir versuchen, so viel wie möglich die Familien mit einzubeziehen. Eine beliebte Tradition ist zum Beispiel unsere jährliche Braunkohlwanderung.“ Da sei alles erlaubt, nur eine Sache führt zum Verweis aus dem Verein. Trainer Eugen Keil kennt da kein Pardon, wenn nämlich die Boxkünste auf der Straße angewendet werden. Joachim Ziesing und Slavik Siabandov, beide Jugendarbeiter im VfV Borussia 06 Hildesheim, setzen früh an in Sachen Integration durch Sport. „Fußball ist eine internationale Sprache, er fördert Disziplin und Teamgeist. Rund 40 Prozent unserer Mitglieder haben einen Migrationshintergrund. Wenn es darum geht, im Turnier gut abzuschneiden, spielt das überhaupt keine Rolle mehr, woher jemand kommt.“ Auch hier setzt man viel auf gemeinsame Freizeitaktivitäten wie Schwimmen oder gemeinsames Essen.
Die Sportvereine müssen sich natürlich viel selbst bewegen, um für Einwanderer attraktiv zu sein. „Roths bestätigt: „Wir arbeiten derzeit an anderen Beitragsstrukturen oder richten spezielle Räume beispielsweise für muslimische Frauen ein. Lange war uns nicht bewusst, dass wir ihr Schwimmtraining unter besonderen Sichtschutzmaßnahmen zu organisieren haben. Wichtig ist also immer und immer wieder, auf die Menschen zuzugehen, um ihre Bedürfnisse wahrhaftig zu verstehen.
Ob Zumba, Tricking, American Football oder orientalischer Tanz: „Sport leistet im Bereich der Integration enorm viel, im Sportverein findet man immer Freunde“, erklärt Sozialdezernent Dirk Schröder in seiner Begrüßungsansprache. Die Ultra-Triathletin und Schirmherrin Astrid Benöhr hingegen verzichtet auf viele Worte und hält einfach ein Trikot hoch, auf dem steht: „Gegen Gewalt, gegen Ausländerhass.“ Hier ist sowieso das Gegenteil der Fall. Sieht man Integration als Aufgabe der gesamten Gesellschaft, dann beweist der Interkulturelle Sporttag, mit wie viel Spaß das funktionieren kann.